Herisau, Christliches Schulheim «Gott hilft»

Kommentar

Diese Liste war ursprünglich als Forum aufgesetzt. Sie finden hier einzelne Kommentare und Dialoge von Betroffenen oder anderen Interessierten.

Im «Gott hilft» ist der Teufel los

Im Sommer 2008 feierte das Schulheim Gott hilft in Herisau sein 75 Jahre Jubiläum. Bereits nächsten Sommer soll es nun geschlossen werden. Zu den Gründen, die zu diesem Entscheid führten, schweigt sich die Stiftung aus. Anstelle dessen reden nun ehemalige Heiminsassen. Sie berichten von harter Arbeit, Schlägen und sexuellem Missbrauch. Hinter der frommen Kulisse des schweizweit bekannten Kinderheims gingen Kinder buchstäblich durch die Hölle.

AnBi
16.11.2010

 

Ich frag mich nur; WO und wie hat denn Gott geholfen?
Liebe Grüsse
Dany

Dany
08.12.2010

Mein Bruder war Heimkind

Meinen Bruder haben sie dort auch kaputt gemacht. Ich denke, niemand will die Wahrheit wissen und dass unsere Politiker alles daran setzen, dass nichts auskommt. Ich glaube sie werden uns, die Mut haben etwas zu sagen, verfolgen bis zum geht nicht mehr. Vielleicht werden wir nochmals weggesperrt. Pfui Schweiz das Kapital regiert kein Gewissen, keine Moral.

reinhard diethelm
24.01.2012

Mein Rückblick auf die Zeit im Schulheim «Gott hilft»

Ich war als Kind mehrere Jahre im Schulheim «Gott hilft» in Herisau untergebracht. Der Schuleintritt ist gemäss Zeugnis am 5. August 2006 erfolgt. Soweit ich mich erinnere, war ich damals etwa drei oder vier Jahre dort.

Rückblickend war diese Zeit für mich sehr belastend. Bereits beim Lesen meines damaligen Zeugnisses wurde mir bewusst, wie schwierig ich als Kind offenbar gegolten habe und wie stark sich diese Fremdzuschreibungen auf meine Entwicklung ausgewirkt haben.

Erinnerungen an Sanktionen und Konsequenzen

Eine besonders eindrückliche Erinnerung ist mit dem Mittagstisch verknüpft: Ich wollte damals eine Birne nicht essen. In Erwartung einer Strafe liess ich sie im Mund, in der Hoffnung, sie später unbemerkt ausspucken zu können. Als dies aufflog, wurde ich zu den Betreuenden geschickt. Dort musste ich eine Liste mit Lebensmitteln erstellen, die ich nicht mochte – u.a. stand darauf auch ein Apfel. Ich wurde unmittelbar aufgefordert, einen Apfel zu essen, der allerdings bereits sandig und unangenehm schmeckte. Auch eine Betreuungsperson bestätigte, dass der Apfel wohl nicht mehr frisch sei. Dennoch wurde die Konsequenz ausgesprochen, dass ich eine Woche lang nur Lebensmittel essen durfte, die ich zuvor als «ungemocht» bezeichnet hatte darunter z. B. Brokkoli. Rückblickend ist diese Situation für mich ein Beispiel dafür, wie mit aversiven Konsequenzen gearbeitet wurde auch in pädagogischen Grauzonen.

Auch die Praxis sogenannter «Beruhigungsräume» war für mich belastend. Bei Wut oder Regelverstössen wurde man als Kind in einen Raum mit einem Boxsack geschickt, um sich zu «beruhigen». Für mich hatte das weniger mit Unterstützung als mit Isolation zu tun.

Eskalationen, Fluchten und Widerstand

Mit der Zeit kam es bei uns Kindern zu immer mehr Widerstand, auch, weil viele die Konsequenzen als hart und nicht nachvollziehbar erlebten. Fluchten waren häufig. Ich erinnere mich, dass wir manchmal tagelang draussen blieben. Nach der Rückkehr kam es oft zu weiteren Sanktionen u.a. zu arbeitsbezogenen Strafen.

In einer besonders kritischen Phase habe ich (verbal oder durch Verhalten) mit Suizid gedroht, nicht aus ernsten Absichten, mehr um mich vor den Sanktionen zu drücken. Ich erinnere mich, wie ich aus dem Fenster kletterte und andere Kinder mich von unten anfeuerten. Solche Grenzsituationen führten zwar kurzfristig dazu, dass man nicht sofort sanktioniert wurde, zeigten aber vor allem, wie verzweifelt und dysreguliert viele von uns waren.

Mit der Zeit war der Zusammenhalt unter den Kindern stark – aber oft in einem «Wir gegen sie» Modus gegenüber der Betreuung. Einige von uns haben beschlossen, keine Anweisungen mehr zu befolgen. Die Situation spitzte sich zu, viele Betreuende kündigten oder fielen krankheitsbedingt aus. In dieser Phase übernahm zeitweise sogar die Ehefrau des Heimleiters eine Rolle in der Wohngruppe. Sie hatte ein gutes Gespür für uns Kinder ich empfand ihre Präsenz als deeskalierend. Dennoch konnten die strukturellen Probleme nicht gelöst werden.

Schliessung des Heims – und was im Nachhinein ans Licht kam

Soweit ich weiss, wurde das Heim einige Jahre später geschlossen. In der Folge kamen Berichte in die Medien ( welche ich heute nicht mehr finde) unter anderem zu Vorwürfen von Gewalt und sexuellem Missbrauch. Ob und in welchem Ausmass dies auch meine Wohngruppe betraf, kann ich nicht beurteilen. Ich weiss nur, dass viele Probleme damals unter Verschluss gehalten wurden. Aus meiner heutigen Sicht wurde der pädagogische Auftrag zu oft dem äußeren Anschein geopfert, mehr Schein als Sein.

Was auch gesagt werden muss

Nicht alles war negativ. Es gab Betreuerinnen, die sich ehrlich bemüht haben und uns zugewandt waren. Ich erinnere mich an einzelne Bezugspersonen, die wirklich «da» waren, Verständnis zeigten und Sicherheit gaben. Auch der Zusammenhalt unter uns Kindern war in gewisser Weise stärkend, wir haben gelernt, füreinander einzustehen.

Mein Fazit

Ich schreibe diesen Rückblick nicht, um anzuklagen, sondern um sichtbar zu machen, was war. Für viele Heimkinder meiner Generation war die Zeit in Institutionen prägend im Guten wie im Schlechten.

07.11.2025

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